zur GALERIE PAWLICK

Ausstellung  "Erinnerte Stille"  von  Wolfgang KE Lehmann  in der GALERIE PAWLICK

14.02. - 06.03.2004
Ausstellungseröffnung am 14.02.2004 um 17 Uhr
Pawlick - Rixen - KE Lehmann
"Der Patriot" 18.02.2004
Einführung zum Werk von KE Lehmann von Anna Rixen
Erinnerte Stille
so lautet der Titel dieser Ausstellung. Und damit ist auch sofort das Wesentliche beschrieben.
Keine laute, schrille Kunst, die nach Aufmerksamkeit verlangt, keine Bilder, die auf uns
einstürmen, uns bedrängen, sondern leise Töne, die den Weg nach innen weisen.
Erinnerte Stille......Erinnern ist ein aktiver Prozess, wir müssen uns auf den Weg zu den
Bildern unserer Erinnerung machen. Erinnern ist ein Vorgang, der Ruhe braucht, aber auch
Anregungen, die uns zur Erinnerung führen. Angesichts der Allgegenwärtigkeit der Medien,
die vor nichts halt machen, kein leichtes Unterfangen: Bilder und Geräusche prasseln
permanent auf uns ein. Lenken uns ab, zerstreuen uns.
Doch immer mehr zeigt sich, dass viele Menschen einen Gegenpol suchen, sich auf die Stille
besinnen. Meditation, Yoga und Chi Gong statt Dschungelcamp; Doku-Soaps oder virtueller
Realität im Internet.
KE Lehmanns Arbeiten sind Produkte eigener innerer Bilder, eigener Spurensuche. keine
Bilder, die man mal schnell in einer Werbepause betrachten kann. Demjenigen, der sich auf sie
einläßt, vermitteln sie die notwendige Ruhe und Anregung, um zu sich zu kommen, um zu
seinen eigenen Bildern vorzudringen.
Seit Ende der Achtziger Jahre führt der Künstler intensive Reisen durch. Stipendien brachten
ihn nach Paris, Italien und Worpswede. Studienaufenthalte in Frankreich, Brasilien, Ägypten,
England, Marokko und Südamerika schlossen sich an. Lehmanns Interesse gilt dabei nicht den
touristischen Highlights. Vielmehr nutzt er die Aufenthalte zur Auseinandersetzung mit den
frühen Hochkulturen.
Ob es die kulturellen Leistungen der Sumerer sind, wie die Entwicklung der Keilschrift, frühe
astronomische Berechnungen und mathematische Erkenntnisse, oder die Hieroglyphen des
alten Ägyptens. Inkas, Mayas und Azteken haben in Mittelamerika und Südamerika
bedeutende Hochkulturen geschaffen, die wieder untergegangen sind.
In Frankreich sind es die Menhire in Carnac, die Zeugnis ablegen von einer frühen Kultur,
ebenso wie die beeindruckenden Höhlenmalereien. Und so finden sich überall Zeugnisse
vergangener Hochkulturen, die uns die Geschichte dieser Völker erzählen.
Zeichen und Symbole gehören zum Grundinventar menschlicher Ausdruckskraft. Es liegt in
der Natur des Menschen, die Welt und ihre Zusammenhänge, so wie er sie sieht, in Symbole
und Mythen zu fassen. Manche Mythen wie die Legende vom heiligen Gral oder von Atlantis
faszinieren immer noch viele Menschen.
Nicht nur die außereuropäischen Hochkulturen beschäftigen Lehmann. Auch unsere eigenen
nordisch-germanischen Wurzeln üben auf ihn einen besonderen Reiz aus. So entstand Ende der
neunziger Jahre das Asgard-Projekt, bei dem sich Lehmann mit eben dieser Thematik
beschäftigt. Leider sind gerade diese kulturellen Wurzeln in Deutschland fast in Vergessenheit
geraten Zu negativ ist der Beigeschmack, der durch das national-sozialistische Regime, das
sich der Hakenkreuze, Runen und germanischen Mythen bemächtigte, entstanden ist.
Viele dieser Symbole, die wir in KE Lehmanns Arbeiten finden, sind uns vertraut. Die liegende
Acht für Unendlichkeit, ebenso die schneckenhausartige Spirale, das Auge oder auch das
Boot, das für die letzte Reise stehen kann. Und natürlich die absoluten Basics wie Sonne,
Mond, Kreuz, Kreis und Quadrat, die zur internationalen Formensprache gehören.
Manche wirken auf uns aber auch völlig fremdartig, unbekannt. Sie halten uns auf Distanz,
ziehen aber dennoch unser Auge magisch an. Wir fragen uns, was ist das? was bedeutet das?
Sofort auffallend ist die starke Ruhe, die KE Lehmanns Arbeiten ausstrahlen. Die Farben sind
zurückhaltend. Brauntöne, Ocker, zarte Grüntöne, und immer wieder Schwarz, oft ein fast
transparentes Schwarz, in dem Linien und Formen verborgen sein können, durchscheinen.
Dann auch eher leuchtende Töne, Blau, Orange, die aber transparent und leicht wirken, und
sparsam eingesetzt werden.
Die Tuschearbeiten haben eine differenzierte Fern- und eine Nahwirkung. Aus der Ferne sehen
wir zunächst die schwarzen Linien. Der Gestus der Zeichungen ist locker und wirkt spontan.
Fast wie zufällig läßt der Künstler die Tusche verlaufen oder wartet, bis sie gerinnt und
fedrige, merkwürdig kristalline Mikrostrukturen entstehen.
Aus der Nähe fallen die feinen Linienkonstrukte ins Auge, die zunächst fast wie beiläufige
Kritzeleien oder rasche Notizen wirken. Automatisch folgen wir diesen Linien, die uns durch
das Bild führen, einander kreuzen, zu Bögen werden oder zu Symbolen und Zeichen führen.
Und merken, wie wenig beiläufig und zufällig die Linien wirklich sind. Oft erwachsen aus
ihnen auch die Symbole, manchmal unvermittelt, dann wieder als Abschluß der Linie. Mal
enden sie als Kreis, mal als Quadrat. Immer entdeckt man eine kompositorische Konzeption
hinter dem, was erst so spielerisch wirkt. So wandert der Betrachter durch das Bild und folgt
Lehmanns erzählerischem Weg.
Die Bilder stecken voller archaischer Zeichen und Symbole. Lehmann erschafft eine eigene
Ikonografie, die aus den unterschiedlichsten Repertoiren gespeist wird. Er kombiniert das
Inventar verschiedener Religionen und Kulturen, setzt es neu zusammen und fügt eigene
Schöpfungen hinzu.
Wir sehen ägyptische Zeichen, wie das Pharaonenzeichen, die Fische als christliches Symbol,
auch Kreuze in verschiedenen Varianten. Manche Symbole, wie das Auge im Dreieck, die
Pyramide, kennen wir von sog. Geheimbünden. Dieses Auge gilt als Symbol der Illuminaten,
über die die verschiedensten Theorien und Verschwörungsgeschichten existieren. Berühmte
Mitglieder sollen Goethe, Herder und Knigge gewesen sein
Zu den freimaurerischen Symbolen gehören der Kreis mit dem Punkt in der Mitte und der
Halbmond, sowie auch das Quadrat, dass die Loge symbolisiert.
Immer wieder treffen wir auf magische Quadrate, auf Gitternetze. mal sind sie auch für uns
direkt mathematisch nachvollziehbar. z.B. wenn die Summe der zahlen stets identisch ist.
dann wieder erinnern sie an sumerische Aufzeichnungen über Sternenkonstellationen, oder sie
sind gefüllt mit fremdartigen Symbolen.
Dem Künstler geht es sicher nicht um beliebte Verschwörungstheorien und wabernde
Esoterik. Er nimmt diese Ursymbole in sein Zeicheninventar auf und spielt mit ihnen. Gerade
die Lösung aus dem gewohnten Zusammenhang läßt eine neue, andere Betrachtung zu.
Kommen die Tuschzeichnungen fast erzählerisch, teils opulent daher, so ist Lehmanns
Bildsprache in seinen großformatigen Arbeiten in Mischtechnik wesentlich reduzierter. Mit
wenigen Strichen faßt er seine Figuren und Gegenstände. Das Inventar ist auf einzelne Symbole
reduziert. Wenige helle Linien umreißen ein geöffnetes Gefäß, weitere bilden ein Kreuz,
dessen enden in Dreiecke und Kreise auslaufen. Das Spielerische der Tuschzeichnungen
erfährt hier eine strenge Beschränkung.
Der Künstler steigert die einzelnen Symbole ins Monumentale, die Hochformate erinnern an
Altarflügel. Das Gezeigte erhält so eine ikonenhafte Präsenz, bekommt eine religiöse Aura,
einen sakralen Charakter. Gerade durch das reduzierte Inventar ist der Betrachter gezwungen
intensiver zu schauen, sich mit dem Wenigen stärker auseinanderzusetzen.
Anna Rixen - Ausstellungseröffnung "Erinnerte Stille" 14.2.04, Galerie Pawlick, Lippstadt
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